Prolog
Der Turm
Nacht hing über den Feldern, schwer und ohne Sterne. Nur der Turm ragte aus dem Nebel wie ein einsamer Zahn aus Stein. Kein Licht brannte in den schmalen Fenstern, doch wer den Blick zu lange an der Silhouette haften ließ, meinte ein Glimmen hinter dem Mauerwerk zu sehen – so, als ob etwas atmete.
Die Leute im Dorf erzählten, der Turm sei älter als die Siedlung selbst. Manche sagten, er sei von den ersten Bindungskundigen errichtet worden, die die Welt durchzogen, als alles noch jung war. Andere flüsterten von einem Erbe, das nie eingelöst werden durfte, weil jeder Besitzer früher oder später verschwand – manche ohne Spur, manche nur mit einem Schrei in der Nacht.
Ein Hirtenjunge, der sich einmal in den Schatten des Turms gewagt hatte, schwor, dass die Steine dort nicht kalt seien, sondern warm wie Haut. Ein alter Fischer hingegen wollte gesehen haben, wie sich die Mauern bei Vollmond verformten, als würden die Fugen kriechen. Keiner konnte beweisen, dass es mehr als Märchen waren – doch alle hielten Abstand.
Nur eines war gewiss: Wer den Turm erbte, erbte zugleich die Angst, die mit ihm wuchs. Und in diesen Tagen, da ein neuer Name das Siegel trug, wartete er wieder. Geduldig. Still.