Kairos Prime



Kapitel 4

Zoltian

Die Dämmerung hatte den Himmel violett gefärbt, als sie durch das Osttor zurückkehrten. Die Stimmen des Marktes waren leiser geworden, die Händler rollten ihre Wagen zusammen, Kinder rannten noch mit den letzten Resten des Tageslichts durch die Gassen.

Holdine wirkte nachdenklich. „Wir haben eine Spur. Morgen früh treffen wir Tsaluah am Fluss. Erst dann wissen wir, ob es sich uns anschließt.“

„Bis dahin sind wir noch zu wenige,“ brummte Fryda. „Vier reichen nicht, wenn der Turm wirklich all das birgt, was die Leute flüstern.“

„Wir sind nicht allein,“ erwiderte Krexila, fester als gedacht. „Der Wald steht auf unserer Seite. Und vielleicht auch Tsaluah.“

Cjendadz hielt die Feder wie einen Schatz in den Händen, wickelte sie vorsichtig in ein Tuch. „Es wird kommen. Ich weiß es.“

Sie hatten kaum den Platz vor dem Rathaus betreten, als sie bemerkten, dass jemand am Anschlagbrett lehnte – nicht so wie Holdine am Morgen, voller Ernst und Schwur, sondern lässig, fast spöttisch. Ein Mann mit dunklem Haar, schmalem Gesicht und einer Weste, die mehr Flicken als Stoff enthielt. In seiner Hand drehte er ein kleines Messer, als wäre es ein Spielzeug.

„Schon eine Bande, was?“ Er grinste breit, als er die Vier sah. „Ordenskriegerin, Kämpferin, Bücherwurm, Kräutersammlerin. Sieht fast nach einer Heldengeschichte aus.“

Fryda verschränkte die Arme. „Und du bist?“

„Zoltian,“ erwiderte er mit einer angedeuteten Verbeugung, die irgendwo zwischen Spott und Charme lag. „Überlebenskünstler, Schausteller, manchmal auch Türöffner – je nachdem, was man braucht. Ich habe die Notiz gelesen. Dachte mir, wer in einen Turm voller Mythen will, kann jemanden gebrauchen, der Türen findet, die verschlossen bleiben sollten.“

Holdine musterte ihn mit ernster Miene. „Oder jemanden, der sie verschließt, während wir drinnen sind.“

„Kommt drauf an, wer mich bezahlt,“ erwiderte Zoltian, ohne das Grinsen zu verlieren.

Krexila schnaubte leise. „Ich wette, du bist schneller mit deinen Händen an meinem Korb als an einer Tür.“

„Nur wenn ich Hunger habe,“ sagte Zoltian lachend. „Aber ich beiße nicht. Jedenfalls nicht oft.“

Ein Moment Stille – dann sah Fryda die anderen an. „Nützlich könnte er sein. Wenn er uns nicht schon vorher um unsere Münzen erleichtert.“

„Dann schwöre ich,“ sagte Holdine ernst, „dass ich ihn im Blick behalte. Und wenn er gegen uns handelt, beschütze ich euch – vor ihm.“

Zoltian klatschte in die Hände, als sei das die beste Einladung, die er je bekommen hatte. „Dann sind wir uns ja einig.“

„Also,“ begann Zoltian, das Messer spielend zwischen den Fingern, „wenn ihr den Auftrag annehmen wollt, warum wartet ihr dann überhaupt? Geht rein, kassiert Silber, erledigt, was zu erledigen ist.“

Holdine schüttelte den Kopf. „Nein. Nicht ohne Tsaluahs Entscheidung. Wir sind noch nicht vollständig.“

„Vollständig?“ Fryda lachte trocken. „Wir sind jetzt zu fünft. Das ist mehr, als die meisten Söldnertrupps zusammenbekommen. Wenn wir länger warten, nimmt uns vielleicht jemand anderes den Auftrag vor der Nase weg.“

„Ein Turm wie dieser nimmt niemandem die Beute weg,“ warf Krexila ein. „Er nimmt höchstens die, die töricht genug sind, allein hineinzugehen.“

Cjendadz nickte langsam. „Wir haben heute gesehen, was Tsaluah vermag, auch wenn es sich uns noch nicht angeschlossen hat. Mit ihm hätten wir eine Kraft an unserer Seite, die über Heilung hinausgeht. Ohne ihn... ist es ein Risiko.“

„Risiko ist mein zweiter Name,“ grinste Zoltian. „Der erste ist Profit.“

„Und genau deshalb,“ entgegnete Holdine streng, „gehe ich keinen Schritt, bevor Tsaluah uns seine Zusage gibt. Ich habe geschworen, meine Gefährten zu beschützen – und dazu brauche ich, dass wir nicht unvorbereitet sind.“

Fryda verzog den Mund, doch sie sagte nichts mehr. Stattdessen wandte sie sich an Zoltian: „Gewöhn dich dran. Unsere Anführerin hier mag’s feierlich.“

Holdine wollte widersprechen, doch Krexila legte ihr die Hand auf den Arm. „Es ist besser, mit Vorsicht zu gehen. Der Turm läuft uns nicht davon.“

Zoltian zuckte die Schultern und steckte das Messer weg. „Wie ihr wollt. Aber wenn wir warten, dann trinkt einer von euch mit mir. Sonst halte ich das nicht aus.“

Die Laternen flackerten bereits, als sie eine niedrige Tür unter einem knarrenden Schild fanden. „Zur Kupferpfanne“ stand darauf, und der Geruch von Bratenfett und Rauch drang ihnen entgegen.

„Perfekt,“ meinte Zoltian. „Ein Abend ohne Bier ist wie ein Beutel ohne Münze.“

Sie setzten sich an einen groben Holztisch. Der Wirt brachte Krüge, die schwerer waren, als Cjendadz lieb war. Fryda stieß ihren Becher mit einem Grinsen gegen Holdines, trank ihn in drei Zügen leer und bestellte den nächsten.

„Ich habe dich unterschätzt,“ murmelte Holdine, bevor sie ebenfalls tief ansetzte. Sie trank langsamer, aber der Krug blieb danach genauso leer.

Krexila nahm einen Schluck, als wäre es Wasser, und wischte sich den Mund mit dem Handrücken. „Das ist kein Vergleich zu dem, was wir im Winter aus wilden Beeren brennen. Aber es wärmt.“

Cjendadz hob vorsichtig den Krug, roch daran und verzog das Gesicht. „Zu herb.“ Er nippte, hustete, und Fryda prustete lachend. „Na, Adept, die Bindungen im Bier zu stark für dich?“

„Ich bevorzuge Wein,“ brachte er hervor, was das Gelächter nur lauter machte.

Zoltian trommelte mit den Fingern auf den Tisch. „Ihr seid ein seltsamer Haufen. Aber vielleicht genau deswegen interessant. Eine Ordensschwester, die mit Säufern mithält, eine Waldläuferin, die Schnaps trinkt wie Wasser, eine Kämpferin mit einem Magen wie ein Fass – und ein Magier, der schon nach einem Krug schwankt. Das kann nur gutgehen.“

Sie lachten, sie neckten einander – und zum ersten Mal seit dem Anschlag am Brett saßen sie nicht nur nebeneinander, sondern wirklich zusammen.

Später, als die Krüge leer und die Stimmen lauter geworden waren, lehnte sich Zoltian zurück und grinste breit. „Also gut. Ihr seid keine Helden, wie sie in Balladen besungen werden. Aber ihr seid auch keine Narren. Vielleicht ist das die beste Mischung.“

„Balladen?“ Fryda lachte rau. „Wenn uns einer besingt, dann höchstens, weil wir die Schänke ausgetrunken haben.“

„Oder weil wir morgen zu wenige sind,“ brummte sie, doch in ihrem Blick lag weniger Spott als Anerkennung.

Holdine schwieg, die Hände fest um den Krug geschlossen. Ihr Blick ging über die Gesichter am Tisch – ernst, spöttisch, neugierig, ruhig – und für einen Moment spürte sie: Dies ist der Anfang. Mein Schwur hat endlich Gewicht.

Cjendadz blinzelte, schon etwas benommen vom ungewohnten Bier, und Krexila lachte leise, als er beinahe den Krug verschüttete. Für eine Stunde schien die Schwere des Turmes weit weg – und doch ahnten sie alle, dass er schon auf sie wartete.