Kapitel 6
Der Auftraggeber
Die Straßen waren noch feucht vom Morgen, als sie das Viertel der wohlhabenden Händler erreichten. Hier war der Lärm des Marktplatzes kaum zu hören, nur das Schnauben von Zugpferden und das Knarren teurer Wagen drang durch die engen Gassen. Die Häuser waren höher, die Fassaden verziert, und vor den Türen hingen Eisenlaternen, deren Glas im Sonnenlicht glitzerte.
„Hier also sitzt er und fürchtet seinen Turm,“ murmelte Fryda, während sie an einem Torbogen mit vergoldeten Verzierungen vorbeigingen.
„Jeder hat seine Prüfungen,“ erwiderte Holdine, doch ihre Stimme klang zurückhaltend.
Cjendadz trug die Feder Tsaluahs in seiner Tasche, so behutsam, als wäre sie ein Siegel für ihr künftiges Schicksal. Er blickte neugierig nach allen Seiten, als suche er schon in den Mauern der Stadt Hinweise auf verborgene Bindungen.
Vor ihnen erhob sich ein breites Haus mit steinernen Säulen, frisch gestrichenen Fensterläden und einem hohen Tor, das mehr Zierde als Schutz war. Zwei Diener in einfacher, aber sauberer Kleidung standen davor, die Hände verschränkt, und musterten die Neuankömmlinge.
„Wir sind wegen des Anschlags am Rathausplatz,“ erklärte Holdine fest. „Der Auftrag zum Turm.“
Die Diener wechselten einen Blick. Dann öffnete einer von ihnen das Tor und deutete auf den Hof. „Der Herr erwartet euch.“
Sie traten ein. Der Lärm der Stadt blieb draußen, und nur das leise Plätschern eines Brunnens erfüllte den Hof. Die Luft roch nach Rosen und teurem Öl.
„Ganz andere Welt,“ murmelte Krexila, die sich hier fremder fühlte als im dunkelsten Wald.
„Und doch brauchen sie uns,“ meinte Zoltian grinsend und zwinkerte in Richtung der Diener.
Der Herr des Hauses empfing sie in einem hohen Saal, dessen Wände mit dunklem Holz verkleidet waren. Er war ein Mann mittleren Alters, gepflegt, aber mit gerunzelter Stirn und den Händen eines Händlers – weich, nicht schwielig. Auf dem Tisch vor ihm lagen einige Dokumente und ein Siegelring, daneben ein Kelch, aus dem er kaum getrunken hatte.
„Ihr seid also die, die sich gemeldet haben,“ begann er und lehnte sich zurück. Sein Blick glitt prüfend über die Gruppe, blieb kurz an Frydas Schwert hängen, dann an Cjendadz’ Büchern, schließlich an Holdines Ordensring. Er nickte, als hätte er sich innerlich versichert, dass sie keine Bettler waren.
„Es geht um den Turm, den ich geerbt habe. Ein altes Bauwerk, wie ihr sicher schon gehört habt. Die Leute reden viel darüber. Ich nicht.“ Seine Stimme war betont nüchtern, beinahe schroff. „Was mich interessiert, ist allein: Kann man ihn gefahrlos betreten? Lässt er sich nutzen – oder nicht?“
Er klopfte mit zwei Fingern auf den Tisch. „Mehr müsst ihr nicht wissen. Ich erwarte keinen Heldenmut, keine großen Entdeckungen. Nur Klarheit.“
Dann schob er ein kleines Kästchen zu ihnen hinüber. „Euer Lohn beträgt insgesamt zwanzig Goldstücke. Fünf bei eurer Rückkehr, fünf weitere, wenn der Turm leer und sicher ist, und die restlichen zehn, wenn er genutzt werden kann.“
Zoltian pfiff leise durch die Zähne, doch Holdine blieb ernst und nickte. „Das genügt.“
Der Mann zog ein Pergament hervor, mit seinem Siegel versehen. „Dieses Schreiben berechtigt euch, auf dem Markt in meinem Namen Verpflegung zu kaufen. Brot, Fleisch, Trockenwaren – was ihr benötigt. Legt es bei meinen Händlern vor.“
Fryda griff nach dem Dokument, drehte es einmal zwischen den Fingern. „Also keine Ausreden, dass wir mit leeren Taschen in den Turm müssen.“
„Genau das,“ erwiderte der Auftraggeber knapp. „Macht euren Teil, und ich tue meinen.“
Er erhob sich, ein deutliches Zeichen, dass das Gespräch beendet war. „Ihr seid frei, euch vorzubereiten. Ich erwarte euch in spätestens zwei Wochen zurück.“
Der Platz war wieder voller Stimmen, als sie den Hof des Händlers verließen. Händler riefen ihre Preise, Kinder liefen zwischen den Ständen umher, der Geruch von frischem Brot und gebratenem Fleisch hing in der Luft. Mit dem Verpflegungsschreiben in der Hand hatten sie keine Mühe, sich den Weg freizuhalten – ein Siegel öffnete in dieser Stadt mehr Türen als jede Klinge.
„Zwei Wochen,“ murmelte Fryda, während sie am Stand eines Bäckers standen. „Das ist großzügig. Wir sollten uns so ausstatten, dass wir notfalls länger aushalten.“
„Brot und Trockenwurst,“ sagte Holdine knapp. „Etwas, das sich hält und Kraft gibt.“
Der Bäcker packte dunkle Laibe ein, die schwer in der Hand lagen, dazu Fladenbrot für die ersten Tage. Ein Stand weiter schnitt ein Metzger Trockenwurst in dicke Stränge, die sie an ihren Gürteln befestigen konnten.
Am Brunnen kauften sie Trinkschläuche, aus dickem Leder, und zwei Rucksäcke, groß genug, um Vorräte und Werkzeuge zu tragen. Krexila suchte einen Stand mit Kräutern auf, befühlte Blätter und Wurzeln, prüfte sie mit Kennerblick. „Weidenrinde gegen Fieber, Beinwell für Wunden, Salbei für die Atemwege,“ murmelte sie. „Und Verbände brauchen wir auch.“
Cjendadz beobachtete sie fasziniert, während er eine kleine Phiole Öl kaufte, die man zum Entzünden von Lampen nutzte. „Man weiß nie, ob der Turm Licht gibt oder nimmt.“
Fryda schlug derweil mit der Faust auf einen Rucksack, um die Nähte zu prüfen. „Wenn das Ding im Turm reißt, schlepp ich deinen Kram nicht,“ knurrte sie. Zoltian grinste nur und steckte unbemerkt ein paar Münzen Trinkgeld vom Händler ein, das dieser wohl überzählig herausgegeben hatte.
Am Ende stand ein kleiner Stapel auf dem Pflaster: Brot, Wurst, getrocknete Früchte, Trinkschläuche, Rucksäcke, Verbände, eine Handvoll Fläschchen mit Kräutermischungen. Keine Ausrüstung für Helden – aber für jene, die wussten, dass Vorsorge manchmal mehr Leben rettete als Mut.
Holdine nahm das Verpflegungsschreiben wieder an sich, sorgfältig zusammengerollt. „Wir haben, was wir brauchen. Morgen gehen wir hinaus – zuerst zu Tsaluah. Dann zum Turm.“
Nachdem die letzten Einkäufe verstaut waren, fanden sie in einer schattigen Ecke des Marktes einen freien Platz auf den breiten Stufen eines Brunnens. Das Wasser plätscherte gleichmäßig, und für einen Moment schien der Lärm der Stadt weiter weg, als er tatsächlich war.
Fryda riss ein Fladenbrot auf, reichte Stücke herum und grinste. „So viel Vorbereitung, und am Ende schmeckt doch das Erste, was wir kaufen, am besten.“
Holdine nahm das Stück dankend, kaute schweigend und musterte die Gruppe. Ihr Blick blieb auf jedem von ihnen einen Moment länger liegen – als prüfe sie, ob sie wirklich die Gefährten waren, die ihr Schwur verdiente.
Krexila hatte sich neben ihr niedergelassen, die Beine ausgestreckt, den Korb mit den Kräutern neben sich. Sie sprach wenig, aber als ein Kind neugierig herbeikam und die Kräuter befühlte, erklärte sie geduldig die Namen, als sei das die natürlichste Sache der Welt.
Cjendadz kritzelte mit einem Kohlestück Linien auf ein Stück Pergament, während er leise vor sich hin murmelte. „Wenn der Turm so gebaut ist, wie es heißt, muss er Bindungslinien haben... vielleicht kann ich sie erkennen.“ Fryda beugte sich über seine Schulter, verstand nichts und lachte: „Solang du mir sagst, wo ich nicht hintreten soll, reicht mir das.“
Zoltian lag halb auf den Stufen, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. „Ihr macht Pläne wie für ein Festmahl. Am Ende ist’s vielleicht nur ein leerer Turm mit Spinnweben.“
„Dann haben wir ihn geprüft,“ erwiderte Holdine ernst.
„Und werden trotzdem bezahlt,“ ergänzte Zoltian, grinsend.
Für eine Weile saßen sie einfach beisammen, aßen Brot, tauschten Worte, ließen die Geräusche der Stadt an sich vorbeiziehen. Es war kein Gelage, kein Gelübde, nur ein stilles Teilen von Zeit. Doch als die Sonne langsam tiefer sank, fühlte es sich an, als sei hier etwas gewachsen – unsichtbar, aber spürbar.