Kapitel 8
Das Räuberlager
Die Gruppe hatte sich zurückgezogen, so dass der Turm gerade noch zwischen den Bäumen sichtbar war. Unten am Fuß des Mauerwerks brannte das Feuer der Räuber. Die beiden Gestalten dort lachten heiser, stießen Zinnbecher gegeneinander und warfen Knochenreste ins Feuer. Über ihnen, im obersten Fenster, zog der Schatten des dritten Räubers seine Bahn, ohne auf das Geschehen draußen zu achten.
„Wir müssen sie lautlos ausschalten,“ flüsterte Holdine. „Ein einziger Schrei, und der da oben hat uns im Rücken.“
Krexila nickte, spannte probeweise die Sehne ihres Bogens und musterte den Lagerplatz. „Von hier habe ich freie Sicht auf den am Feuer. Der andere sitzt im Schatten – ich brauche, dass Fryda ihn herauslockt.“
Fryda grinste schief. „Ich gehe herum. Von hinten bin ich schneller bei ihm, als er aufsteht.“
„Nicht ohne mich,“ meldete sich Cjendadz. Seine Finger schwebten unruhig in der Luft, als suchten sie nach Fäden, die nicht sichtbar waren. „Ich lenke die Bindungen so, dass eure Schritte und Stimmen… wegfließen. Aber ich warne euch – der Zauber ist nicht ausgereift.“
„Reicht, wenn er uns einen Herzschlag Vorsprung gibt,“ knurrte Fryda und verschwand im Unterholz.
Holdine stellte sich derweil so, dass sie den Eingang des Turmes überblicken konnte. Ihr Schwert lag ruhig in der Hand, doch die Muskeln an ihren Schultern waren angespannt. Zoltian schlich neben sie und flüsterte mit einem Grinsen: „Ich sage dir, wenn einer rauskommt. Dann sperren wir ihn ein – oder ich seine Kehle zu.“
Cjendadz’ Stimme wurde ein gehauchtes Summen, als er das Muster knüpfte. Ein Schimmer legte sich über ihre Umgebung, so dünn wie ein Nebelhauch. Frydas Schritte verschwanden darin, Krexilas Atem klang nur noch wie der Wind in den Blättern.
Doch im Innern war Cjendadz’ Griff unsicher. Ein Ast knackte zu laut, die Bindungen rissen kurz auseinander – und Fryda erstarrte, als einer der Räuber aufblickte.
„He, was war das?“ Er griff nach seiner Keule, die neben ihm im Gras lag.
Cjendadz spürte das Loch in seinem Zauber und panisch griff er tiefer nach den Bindungen. Ein grelles Prickeln fuhr durch seine Hände, der Schimmer verdichtete sich. Der zweite Räuber, der sich eben erheben wollte, blinzelte verwirrt – als ob der Laut doch nicht zu ihm drang.
„Jetzt!“ zischte Krexila.
Ihr Pfeil löste sich, sirrte durch die Nacht und traf den ersten Räuber in die Schulter. Er stürzte nach hinten, knallte gegen den Holzstoß. Fryda sprang im selben Augenblick aus dem Schatten, der Stab krachte dem zweiten Räuber an den Schädel. Er wankte, versuchte noch, die Keule hochzureißen, aber Fryda stieß erneut zu und riss ihn zu Boden.
Das Feuer knackte, Funken sprühten. Der Getroffene am Holzstoß brüllte auf, halb Schmerz, halb Wut.
„Still!“ knurrte Fryda und versetzte ihm einen Schlag, der ihn bewusstlos machte.
Holdine rannte sofort an den Fuß des Turmes, stellte sich mit erhobener Klinge vor die Tür. „Kein Laut nach oben,“ befahl sie. Zoltian huschte daneben, prüfte das alte Holz. „Verriegelt nicht,“ raunte er. „Aber ich kann einen Keil setzen.“
Oben im Fenster zog der dritte Schatten weiter, unbeirrt.
Cjendadz ließ die Hände sinken. Schweiß stand ihm auf der Stirn, seine Finger zitterten. „Ich… konnte sie nicht ganz zum Schweigen bringen. Aber es hat gereicht.“
„Knapp,“ erwiderte Fryda, die sich den Staub von der Wange wischte. „Zu knapp.“
„Knapp reicht,“ sagte Holdine streng. „Solange keiner von uns gefallen ist.“
Das Lagerfeuer brannte weiter, doch die Stimmen am Fuß des Turmes waren verstummt. Die Gefährten hielten inne, lauschten. Keine Bewegung aus dem Innern. Der Dritte ahnte nichts.
„Dann sichern wir die Tür,“ sagte Holdine leise. „Und holen uns den Rest.“
Die Tür des Turmes ächzte, als Holdine und Zoltian sie aufdrückten. Der Geruch von Rauch, Schweiß und altem Holz schlug ihnen entgegen. Eine schmale Treppe wand sich spiralförmig nach oben, feucht von Jahren ohne Pflege.
„Leise,“ mahnte Holdine, und sie schoben sich Schritt für Schritt hinauf. Das Knarren der Stufen verschluckte Cjendadz’ Zauber nicht mehr – hier, in den Mauern, schien er kaum zu wirken.
Das erste Geschoss lag still. Nur ein paar Felle, ein abgenagter Knochen, ein zerbrochener Krug. Nichts, das atmete. Sie stiegen weiter, höher, die Luft wurde stickiger.
Im mittleren Stockwerk schlugen sie die Tür auf – und fanden Fryda und Krexila bereits am Fenster. Krexila hatte den Bogen auf dem Rücken geschnallt, die Hand am Messer. Fryda stand mit gezücktem Schwert da, die Augen fest auf zwei Gestalten gerichtet, die zusammengerollt in Strohmatten schliefen.
Doch noch ehe jemand handeln konnte, fuhr einer der Männer hoch. Seine Augen flackerten, er sah die Fremden – und brüllte. Der zweite schreckte auf, griff nach einem Beil, das neben ihm lag.
„Verdammt,“ zischte Zoltian.
„Zurück!“ rief Holdine, als die beiden Räuber auf sie zustürmten. Sie riss das Schwert hoch, parierte den ersten Schlag, der ihr beinahe die Finger taub geschlagen hätte.
Fryda sprang vor, Schwert gegen Schwert. Funken stoben, als die Klingen kreuzten. Sie stieß den Gegner hart zurück, riss ihn gegen die Wand, wo er mit einem dumpfen Laut zu Boden fiel.
Krexila war weniger geübt im Nahkampf, aber schnell. Sie stürzte sich auf den zweiten, der gerade die Axt hochriss. Ein Messer blitzte in ihrer Hand, schnitt ihm über den Arm, so dass er die Waffe fallen ließ. Dann war Holdine da, rammte die Schulter in seinen Brustkorb und schmetterte ihn auf den Boden.
Für einen Moment herrschte Stille. Nur schweres Atmen, das Tropfen von Schweiß auf das Holz.
„Zwei weniger,“ murmelte Fryda und wischte sich das Blut – nicht ihr eigenes – von der Klinge.
Doch dann hörten sie es. Schritte, schwer, direkt über ihnen. Der dritte Räuber.
„Nach oben!“ befahl Holdine und rannte die Treppe hinauf. Zoltian dicht hinter ihr, das Messer gezückt, die Augen hell vor fiebriger Spannung.
Oben im Dachgeschoss stand der letzte der Bande. Er hatte das Fenster verlassen, stand nun mitten im Raum, das Schwert in der Hand. Sein Blick war kalt, entschlossen – anders als die panischen Schläger unten.
„Ihr Narren,“ fauchte er. „Wisst ihr überhaupt, wem dieser Turm gehört?“
Holdine antwortete nicht. Sie trat vor, die Klinge erhoben. Zoltian wich zur Seite, suchte die Schatten, bereit, von hinten zuzustoßen.
Der Mann griff an, überraschend schnell. Die Klinge sauste auf Holdine herab, sie blockte, doch die Wucht trieb sie fast in die Knie. Zoltian sprang hervor, rammte dem Mann das Messer in die Seite. Ein Schrei, wütend, verzweifelt – Fryda stürmte herein, warf den Gegner mit einem Schlag ihres Schwertes gegen den Balken. Das Holz ächzte, er brach zusammen und rührte sich nicht mehr.
Schwer atmend sahen sie einander an. Drei Männer lagen bewusstlos oder tot, der Turm war still.´
Dann, plötzlich, gellte ein Laut durch die Mauern. Kein Menschenschrei, kein Tierlaut. Ein Knirschen, ein Röhren, ein Heulen – alles zugleich. Es drang aus den Tiefen des Turmes, vibrierte in den Steinen, fuhr ihnen durch die Knochen.
Cjendadz stolperte zurück, die Augen weit. „Das war… keine Bindung, die ich kenne.“
Holdine hob unwillkürlich das Schwert, als könnte Stahl sie vor einem Laut schützen. Fryda starrte zur Treppe, Krexila presste die Lippen zusammen, und selbst Zoltian, der eben noch grinste, wirkte bleich.
„Das,“ flüsterte er heiser, „war nichts Menschliches.“
Das Echo des Schreis hallte nach, tief aus den Mauern, und ließ den Turm selbst wirken, als atme er.
Die Gefährten standen schweigend, die Klingen noch erhoben, als das Echo des fremden Lauts im Stein verklang. Niemand sprach. Nur ihr Atem füllte den Raum, und jedes Knacken im Gebälk ließ sie zusammenzucken.
Dann, von unten, drang ein neues Geräusch herauf: Krallen auf Holz, das Rascheln von Federn. Kein Feind – vertraut, aber dennoch fremd.
Holdine spannte sich an, doch ehe sie die Treppe hinabstürmen konnte, klang
Tsaluahs Stimme durch die Dunkelheit:
„Etwas hat den Turm erschüttert.“
Die Worte hallten von den Mauern wider, als sprächen mehr als eine Kehle zugleich. Als sie die Treppe hinabstürzten, fanden sie Tsaluah im Erdgeschoss. Seine Augen glimmten unruhig, die Federn an Armen und Rücken sträubten sich, als sei ein Sturm unsichtbar durch es gefahren.
„Ich habe es gespürt,“ sagte es leise, fast beklommen. „Nicht nur gehört – gespürt. Etwas lebt in diesen Steinen, und es kennt euch nun.“
Es stand dort, im Zwielicht des Feuers, die Arme leicht vom Körper abgehoben, Federn bebend wie von einer unsichtbaren Bewegung. Wartend – auf sie, auf Antworten, oder vielleicht auf den nächsten Schlag des Turmes selbst.