Kapitel 1
Der Aushang
Die Glocke des Rathauses schlug dumpf über den Platz, ihr Klang schwoll im Gewirr der Stimmen, Händlergeschrei und klappernden Hufe kurz wie eine Welle an. Ein warmer Wind trug den Geruch von frischem Brot und gegerbtem Leder zwischen die Stände, über denen bunte Stoffbahnen flatterten. Auf dem steinernen Rondell in der Mitte drängten sich Kinder, die das neue Anschlagsbrett bestaunten, als wäre es ein Tor zu Abenteuern – obwohl dort meist nur Bekanntmachungen, Handelsangebote und Mahnungen der Stadträte hingen.
An diesem Morgen jedoch hatte ein einzelner, frisch aufgenagelter Zettel mehr
Aufmerksamkeit erregt als alles andere. Dicke Schrift, mit Feder und Tinte gezogen,
versprach Silber und Ansehen: „Mutige gesucht, die die Wahrheit um den Erbturm
ergründen. Geschichten und Mythen ranken sich darum – Sicherheit soll geprüft, Gefahr
gebannt werden.“
Ein schwungvolles Siegel am unteren Rand verriet, dass der neue Besitzer des Turmes
nicht nur wohlhabend war, sondern offenbar auch zu ängstlich, selbst Hand an das
Mauerwerk seiner Erbschaft zu legen.
Holdine stand ein Stück abseits, die Hände fest hinter dem Rücken verschränkt. Der
silberne Ring ihres Ordens funkelte unter dem Sonnenlicht, doch noch mehr strahlte
der Ehrgeiz in ihrem Blick. Sie hatte die Tore des Sanktum Kreolis kaum hinter sich
gelassen, die Stimme ihres Ausbilders noch im Ohr: „Erweise dich draußen, Kind.
Nicht in unseren Hallen wird dein Schwur geprüft, sondern im Staub der Welt.“
Und hier war nun die Gelegenheit. Ein erster Schritt, eine erste Prüfung. Ein Turm,
ein Auftrag – und die Möglichkeit, nicht länger nur Schülerin zu sein.
Sie trat näher, überflog die Zeilen erneut, als müsse sie den Auftrag in sich hineinschreiben. Doch dann hielt sie inne. Die Schrift versprach Silber – doch auch, dass nur eine Gruppe bestehen konnte. Und die Pflicht ihrer Klinge war klar: Sie brauchte Gefährten, die sie beschützen konnte. Mindestens zwei.
Während sie noch darüber nachdachte, wie sie an Fremde herantreten sollte, hörte sie den Schritt schwerer Stiefel auf dem Pflaster. Eine Frau mit kurzem Haar, den Stab an der Hüfte und ein Schwert quer über dem Rücken, schob sich durch die Schaulustigen. Ihr Blick war nüchtern, wachsam, aber nicht ehrfürchtig – eher wie jemand, der Arbeit suchte und das Leben pragmatisch nahm. Fryda.
Ihre Augen glitten über den Aushang, kurz, sachlich. Dann blieben sie an Holdine hängen. Und der Platz, der eben noch von Marktlärm erfüllt gewesen war, schien sich für einen Atemzug zu leeren, als das erste leise Band zwischen den beiden gespannt wurde.
„Du auch?“ fragte Holdine, noch ehe sie die Worte zurückhalten konnte. Ihre Stimme klang etwas zu stramm, fast wie im Ausbildungshof, als sie Antworten auf Kommandos geben musste.
Fryda musterte sie von Kopf bis Fuß, den Silberring am Finger, die Haltung, die wie aus einem Lehrbuch wirkte. „Ich suche Arbeit, kein Gelöbnis,“ erwiderte sie knapp, aber nicht unfreundlich. „Aber wenn hier Silber zu verdienen ist – warum nicht.“
Holdine straffte die Schultern. „Der Auftrag verlangt eine Gruppe. Es heißt, mindestens drei Streiter. Ich habe geschworen, die zu beschützen, die an meiner Seite kämpfen. Wenn Ihr… wenn du dich anschließt, hätten wir den ersten Schritt.“
Fryda zog eine Braue hoch. „Beschützen? Ich trage Stab und Klinge seit Jahren. Ich brauche niemanden, der mich an die Hand nimmt.“ Doch ein kleines Grinsen stahl sich auf ihre Lippen, als sie den Eifer in Holdines Gesicht sah. „Aber meinetwegen – wenn du jemanden beschützen willst, dann beschütze mich. Vielleicht rettest du mir wirklich mal die Haut.“
Holdine nickte ernst, als wäre das ein besiegeltes Versprechen. Fryda schüttelte nur leicht den Kopf und meinte dann: „Fehlt uns noch einer. Sonst haben wir kein Recht, das Siegel da einzufordern.“
In diesem Moment schob sich ein junger Mann mit kurzem, zerzaustem Haar und einem Bündel Bücher unter dem Arm durch die Menge. Sein Blick hing sofort an dem Anschlag, als hätte er nur darauf gewartet. Er murmelte Worte, die klangen wie Formeln, und strich gedankenverloren mit dem Finger über das Siegel.
„Noch einer,“ sagte Fryda leise.
„Vielleicht der, den wir brauchen,“ antwortete Holdine.
Der junge Mann legte die Bücher behutsam auf den Rand des Brunnens, als wollte er sie nicht mit der schmutzigen Pflasterung in Berührung bringen. Ein Tintenfleck prangte noch an seinem Ärmel, und zwischen den Fingern hielt er eine zerknickte Feder.
„Das Siegel ist echt,“ murmelte er halblaut, während er den Anschlag prüfte. „Der Auftraggeber muss über ein nicht geringes Vermögen verfügen.“
Fryda verschränkte die Arme. „Und du bist?“
„Cjendadz,“ antwortete er ohne Zögern, „Adept der Bindungen, ausgebildet am Institut der Verstärkung. Ich habe meine Studien abgeschlossen und suche nun eine erste praktische Aufgabe. Dieser Turm scheint… geeignet.“ Seine Augen glänzten bei den letzten Worten, als hätte er im Nebel des Prologs selbst schon eine Ahnung gespürt.
Holdine trat einen Schritt näher. „Dann wären wir zu dritt. Ordenskriegerin, Kämpferin, Bindungsmagier. Gemeinsam könnten wir das Siegel einfordern.“
„Könnten,“ wiederholte Fryda trocken. „Aber was, wenn einer von uns im Turm eine Klinge abbekommt oder die Treppe nachgibt? Wir haben niemanden, der Wunden richtig versorgen kann. Ich habe keine Lust, im ersten Auftrag an einer Blutung zu sterben.“
Cjendadz nickte nachdenklich. „Es stimmt. In allen Aufzeichnungen über Expeditionen wird betont, dass ein Heiler oder Kundiger der Bindungen unerlässlich ist. Selbst die besten Kämpfer gehen ohne Unterstützung unter.“
Holdine ließ den Blick über den Platz schweifen, wo Händler ihre Waren anpriesen und Kinder den Brunnen umrundeten. „Dann ist es beschlossen,“ sagte sie schließlich. „Wir drei nehmen den Auftrag an – sobald wir einen vierten gefunden haben. Jemand, der uns heilt, wenn es darauf ankommt.“
Für einen Moment standen sie schweigend nebeneinander, drei Fremde, die ein Band noch nicht kannten, aber schon ahnten.
Noch ehe sie weitere Worte fanden, trieben die Stimmen der Schaulustigen an ihre Ohren.
„Ein Turm, sag ich dir, älter als die ganze Stadt! Mein Großvater hat erzählt, die Steine hätten gebebt, wenn der Wind aus Osten kam.“
„Unsinn,“ fauchte eine Marktfrau, die mit Körben voller Äpfel vorbeischob. „Das ist nur Gerede. Doch jeder Erbe ist verschwunden, das kannst du nicht leugnen. Selbst der letzte, wie hieß er noch…?“
„Taron,“ mischte sich ein alter Bursche ein, der den Brunnenrand mit einem Becher Bier belagerte. „Hat das Erbe angetreten, drei Tage später hat man nur noch seine Stiefel vor der Tür gefunden.“ Er lachte heiser, doch es war kein frohes Lachen.
Ein Kind mit Sommersprossen kicherte: „Meine Schwester sagt, bei Vollmond kriechen Schatten die Mauern hoch. Wer sie berührt, wird nie wieder gesehen.“
„Pah!“ Ein Händler mit verschränkten Armen spuckte auf das Pflaster. „Alles Geschichten. Wenn’s Silber gibt, soll’s doch einer wagen. Aber ich würd’s nicht sein.“
Die drei standen schweigend, und für einen Moment schien das Lärmen des Platzes zu verhallen. Nur der Aushang flatterte im Wind, als wollte er selbst mahnen: Kommt, wenn ihr euch traut.
Holdine legte die Hand auf den Griff ihres Schwertes, fast wie zu einem Schwur.
„Dann finden wir jemanden, der uns heilt,“ sagte sie fest. „Und erst wenn wir
vollständig sind, gehen wir zum Auftraggeber.“
Fryda schnaubte leise, Cjendadz nickte ernst. Und während der Wind das Blatt am
Anschlagbrett flattern ließ, stand zum ersten Mal so etwas wie ein Entschluss
zwischen ihnen.