Kapitel 3
Die Suche nach Tsaluah
Der Wald nahm sie auf, noch ehe die Sonne ganz hinter den Hügeln versank. Das Licht zerbrach sich in den Kronen, mal golden, mal schattig, als hätten die Bäume selbst beschlossen, wer willkommen war und wer nicht.
Holdine legte unwillkürlich die Hand auf den Schwertgriff, als das Knacken von Ästen hinter ihr wie Schritte klang. „Hier fühlt sich alles… wachsam an,“ murmelte sie.
„Der Wald ist immer wachsam,“ entgegnete Krexila leise, beinahe ehrfürchtig. „Er hört, wer ihn betritt. Ihr seid nur zu laut, um es nicht zu merken.“
Ein Windhauch strich durch das Unterholz, ließ Blätter aufwirbeln. Fryda warf einen Blick zurück. „Ich schwöre, da hat sich eben was bewegt.“
„Ein Fuchs vielleicht,“ meinte Krexila, ohne stehenzubleiben. Ihre Augen glitten prüfend über Spuren im weichen Boden, ein kurzes Nicken, dann ein leiser Zuruf: „Hier entlang.“
Cjendadz folgte schweigend, doch seine Finger zeichneten unwillkürlich kleine Muster in die Luft, als wolle er Bindungen ertasten. Je tiefer sie vordrangen, desto deutlicher spürte er eine Resonanz – nicht gefährlich, aber fremdartig, wie ein Lied, dessen Worte er nicht verstand.
„Da ist etwas,“ sagte er schließlich. „Etwas, das nicht Baum und nicht Tier ist.“
Krexila lächelte schwach, fast wie eine Lehrerin über einen begabten Schüler. „Jetzt beginnt ihr zu hören. Aber es ist noch weit.“
Ein dumpfer Laut hallte durch die Ferne – nicht Tier, nicht Mensch, sondern etwas dazwischen. Holdine hielt den Atem an, Fryda spannte den Stab fester in die Hand. Nur Krexila blieb ruhig, als hätte sie eine vertraute Stimme erkannt.
„Tsaluah weiß, dass wir hier sind,“ sagte sie. „Es beobachtet uns längst.“
Sie gingen weiter, tiefer unter das Dach der alten Bäume. Das Licht verblasste, gedämpft vom Geflecht der Kronen, und mit ihm das Gefühl für Zeit. Jeder Schritt klang zu laut auf dem weichen Waldboden, jeder Atemzug hallte nach.
„Da.“ Cjendadz kniete nieder, die Hand über eine Mulde im Moos. Ein Abdruck – breiter als ein Menschenfuß, doch mit scharfen Kanten, als hätten Krallen den Boden gekerbt.
Fryda runzelte die Stirn. „Sieht nicht nach Hirsch oder Wildschwein aus.“
„Nein,“ sagte Krexila ruhig, „das ist Tsaluahs Spur. Breit, aber aufrecht. Wie ein Mensch, nur schwerer.“ Sie sprach, als würde sie ein vertrautes Muster wiedererkennen.
Holdine fuhr mit den Fingern über die Einkerbung. Ein Frösteln lief ihr über den Rücken. „Es ist frisch.“
Ein Stück weiter hing eine einzelne Feder an einem Ast. Dunkel, mit schimmernden Kanten, als hätte sie das Mondlicht in sich gefangen. Cjendadz hielt sie vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger. „Die Bindung in diesem Ding… es ist, als würde sie noch immer atmen.“
„Für mich ist es einfach eine Feder,“ meinte Fryda, doch ihre Stimme war leiser geworden.
Dann hielten sie an einem Baum, dessen Rinde merkwürdig wirkte. Ein tiefer Riss zog sich über den Stamm – doch anstatt roh und offen zu klaffen, war er wie durch unsichtbare Fäden wieder zusammengeschnürt. Das Holz war geheilt, die Maserung schloss sich, wo sie eigentlich gespalten hätte bleiben müssen.
„So etwas kann kein Förster,“ flüsterte Holdine.
Krexila strich über die Stelle, fast zärtlich. „Tsaluah repariert, was zerbrochen ist. Bäume, Tiere… manchmal auch Menschen.“
Ein Schauer ging durch die Gruppe. Sie wussten nun, dass sie nicht nur einem Gerücht folgten – das Wesen war real. Und es war nah.
Ein Windstoß fuhr durch die Kronen, ließ das Laub rascheln wie das Flüstern einer Menge. Für einen Herzschlag meinte Holdine, Schritte neben dem Pfad zu hören – zu schwer für einen Hirsch, zu bedacht für einen Wolf. Sie zog unwillkürlich ihr Schwert ein Stück aus der Scheide, der Klang scharf und fehl am Platz zwischen all den Naturgeräuschen.
„Leg es wieder weg,“ murmelte Krexila, ohne die Stimme zu heben. „Waffen machen es nur scheuer.“
„Scheuer?“ Fryda kniff die Augen zusammen, suchte zwischen den Schatten. „Das Ding hinterlässt Spuren, die größer sind als mein Kopf. Wenn es uns scheu wäre, hätten wir es längst nicht bemerkt.“
Da knackte ein Ast – diesmal so deutlich, dass selbst Cjendadz den Atem anhielt. „Es beobachtet uns,“ flüsterte er. Seine Finger zeichneten unbewusst kleine Muster in die Luft, ein schwaches Leuchten huschte zwischen den Gesten. „Die Bindungen hier… sie fließen wie Wasser, und wir sind der Stein, der den Lauf stört.“
„Nicht du,“ sagte Krexila leise, die Hände offen erhoben. „Wir alle.“
Ein Schrei gellte plötzlich durch die Bäume, fremd und doch vertraut – halb Raubvogel, halb Mensch, halb etwas ganz anderes. Fryda riss den Stab hoch, Holdine trat nach vorn, bereit, Krexila zu decken. Doch Krexila blieb unbewegt, nur ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
„Das ist seine Stimme.“
Etwas bewegte sich zwischen den Stämmen. Erst ein Schatten, dann zwei glühende Augen, die nicht leuchteten wie Feuer, sondern wie das matte Glimmen von Mondlicht auf Wasser. Die Gestalt löste sich aus dem Dunkel: groß, aufrecht, ein Körper von humanoider Form, doch durchzogen von Federn, die in den Farben der Dämmerung schimmerten. Hände, aber mit Krallen besetzt. Ein Schnabel, scharf und gekrümmt, und hinter dem Körper ein massiver Schwanz, der im Gleichgewicht die Bewegungen ausglich.
Tsaluah.
Die Luft schien sich zu verändern, als das Wesen nähertrat. Nicht schwer, nicht bedrohlich – vielmehr als würde der Wald selbst Atem holen.
„Ihr seid nicht wie die anderen,“ sprach es. Die Stimme klang fremdartig, gleichzeitig kehlig und klar, als käme sie aus zwei Kehlen zugleich. „Ihr tretet tiefer, als es Fremden erlaubt ist. Warum?“
Keiner antwortete sofort. Holdine rang mit dem Drang, den Schild zu heben, Fryda starrte angespannt, Cjendadz bebte fast vor Ehrfurcht. Nur Krexila trat einen Schritt vor.
„Sie suchen dich,“ sagte sie ruhig. „So wie ich dich fand.“
Ein leises Fauchen, oder war es ein Lachen? Tsaluah neigte den Kopf, der Schnabel glänzte im Restlicht. „Und doch suchen sie nicht mich – sondern das, was ich ihnen geben könnte.“
„Heilung,“ brachte Holdine hervor. Ihre Stimme war fester, als sie sich fühlte. „Wir wollen nicht, dass du für uns kämpfst. Nur, dass du mit uns reist – damit keiner von uns zurückbleiben muss, wenn wir fallen.“
Tsaluahs Augen glitzerten, als spiegelten sie etwas, das die drei nicht sehen konnten. „Viele kamen mit solchen Bitten. Wenige kehrten zurück.“ Es senkte den Kopf, die Federn legten sich an. „Aber ihr seid nicht viele. Ihr seid nur… am Anfang.“
Für einen langen Moment herrschte Schweigen, nur das Rauschen der Bäume füllte die Luft. Dann streckte Tsaluah eine Hand – oder Kralle – aus und strich leicht über den geheilten Riss im Baum, den sie zuvor gesehen hatten.
„Ich entscheide nicht heute,“ sagte es schließlich. „Trefft mich, wenn der Mond den Wald verlässt und die Sonne zurückkehrt. Dort, wo der Fluss den Felsen küsst. Dann werde ich euch Antwort geben.“
Mit einem Ruck breitete es die Arme aus, und die Federn raschelten wie tausend Blätter im Sturm. Ein einziger Satz – und es war zwischen den Bäumen verschwunden, lautlos, als wäre es nie da gewesen.
Nur die Feder im Moos blieb zurück, die im schwachen Licht glühte.
Lange standen sie noch schweigend zwischen den Bäumen, den Blick auf die Stelle gerichtet, an der Tsaluah verschwunden war. Der Wald hatte sich wieder beruhigt, doch die Luft fühlte sich anders an – voller Erwartung.
Fryda war die erste, die den Bann brach. „Halb Mensch, halb Bestie... und wir sollen damit reisen? Mir ist nicht wohl dabei.“
„Es war nicht feindlich,“ widersprach Holdine ruhig. „Es hat uns geprüft, mehr nicht. Und wir haben standgehalten.“
Cjendadz strich mit fast zitternden Fingern über die Feder im Moos. „Ihr habt gespürt, wie stark die Bindungen waren? Als würde der Wald selbst durch es atmen. Wenn Tsaluah sich uns anschließt, dann haben wir mehr als nur einen Heiler.“
„Oder mehr als wir kontrollieren können,“ brummte Fryda.
Krexila hob den Korb wieder auf. „Es hat euch nicht abgewiesen. Das ist mehr, als die meisten bekommen. Ihr solltet dankbar sein.“
Die drei sahen einander an, und in ihren Gesichtern lag mehr Unsicherheit als Entschluss. Doch als sie sich auf den Rückweg machten, hallte Tsaluahs Stimme noch in ihren Köpfen nach – wie das Echo einer Entscheidung, die noch nicht gefallen war.