Kairos Prime



Kapitel 5

Am Fluss

Die Sonne hing noch tief, als sie den Fluss erreichten. Nebel lag wie ein Schleier über dem Wasser, das leise gegen die Steine schlug. Dort, wo der Strom auf einen Felsvorsprung traf, brach das Licht in tausend Scherben, golden und silbern zugleich.

Sie warteten schweigend. Holdine stand mit erhobenem Haupt, als würde sie selbst geprüft. Fryda stützte den Stab in den Boden und scharrte ungeduldig mit den Stiefeln. Cjendadz kniete am Rand, ließ seine Finger knapp über der Wasseroberfläche tanzen, als spüre er dort eine unsichtbare Melodie. Krexila saß im Gras, als sei dies der vertrauteste Ort der Welt.

Dann veränderte sich die Luft – nicht durch ein Geräusch, sondern durch eine Stille, die anders war. Ein Schatten glitt über den Nebel, und Tsaluah trat aus den Schwaden, als sei es selbst aus Wasser und Licht geboren. Es wirkte, als wäre es nie fort gewesen, sondern habe nur darauf gewartet, dass sie den richtigen Ort fanden.

„Ihr seid gekommen,“ sagte es. Die Stimme klang leiser als am Abend zuvor, doch sie füllte den Morgen wie ein zweiter Atemzug.

„So wie vereinbart,“ erwiderte Holdine.

Tsaluahs Kopf neigte sich, Federn glitzerten im ersten Sonnenlicht. „Ich habe euch gesehen. In euren Schritten, in eurem Zögern, in eurem Lachen. Ihr tragt nicht nur Waffen und Wissen, ihr tragt einander. Darum gehe ich mit euch.“

Fryda atmete hörbar aus, als hätte sie nicht gemerkt, dass sie den Atem angehalten hatte. Cjendadz’ Augen glänzten, und Krexila nickte nur still, als sei ihr das Ergebnis längst klar gewesen.

Zoltian, der sich etwas im Hintergrund gehalten hatte, pfiff leise durch die Zähne. „Nun gut. Dann sind wir wohl vollständig.“

Tsaluah trat näher, und für einen Augenblick schien es, als würde das Rauschen des Flusses nach seinen Schritten fließen. „Vollständig,“ wiederholte es. „Aber nicht abgeschlossen. Denn Wege verändern, was sie verbinden.“

Noch einen Moment standen sie alle am Ufer, den Blick auf Tsaluah gerichtet. Es wirkte nicht wie eine Entscheidung, eher wie eine Tatsache: Das Wesen war nun Teil ihres Weges.

„Wir müssen den Auftraggeber aufsuchen,“ sagte Holdine schließlich. „Ohne das Siegel betreten wir den Turm nicht.“

„Dann geht,“ erwiderte Tsaluah. „Die Stadt ist nicht mein Ort. Ich werde außerhalb warten, wo Wald und Fluss mich kennen. Wenn ihr bereit seid, findet ihr mich dort.“

Krexila nickte zustimmend, als sei diese Regel selbstverständlich. Fryda wirkte erleichtert, dass sie nicht mit einem gefiederten Wesen durch die Straßen marschieren würden. Cjendadz aber blickte fast sehnsüchtig zurück, als sie sich abwandten.

„Dann ist es abgemacht,“ fasste Holdine zusammen. „Wir nehmen den Auftrag – und wenn wir zurückkehren, ziehen wir gemeinsam los.“

Tsaluah neigte den Kopf, Federn schimmerten im Sonnenlicht. „Gemeinsam,“ wiederholte es, „bis die Wege euch prüfen.“

Mit diesen Worten blieb es am Ufer zurück, während sie den Pfad zur Stadt einschlugen – fünf Gestalten, die sich in den Schatten der Mauern verloren, wissend, dass nun wirklich der Anfang gemacht war.