Kapitel 2
Die Suche nach Heilung
Noch am selben Nachmittag verließen sie den Lärm des Platzes und durchquerten die schmaleren Gassen am Rand der Stadt. Der Geruch von Gewürzen und gebratenem Fleisch wich dem von feuchtem Holz und nassem Stein. Bald knarrten nur noch alte Fensterläden im Wind, während sie auf das Tor am Ostende der Stadt zuhielten.
„Also,“ begann Fryda, während sie den Stab lässig gegen die Schulter stemmte, „wo finden wir jemanden, der uns flickt, wenn’s brenzlig wird?“
Cjendadz schob die Bücher in seiner Tasche zurecht. „Heiler sind selten, richtige Bindungsmagier-Heiler noch seltener. Aber im Umland gibt es Kräuterkundige. Manche von ihnen wirken, ohne es zu wissen, stärker, als sie glauben.“
„Unbewusste Bindung?“ fragte Holdine aufmerksam.
„Manchmal,“ nickte Cjendadz. „Die Natur selbst gleicht aus, was Menschenhände nicht vermögen.“
Sie passierten das Stadttor, ein paar gelangweilte Wachen nickten ihnen kaum beachtet zu. Vor ihnen lag eine schmale Landstraße, die in den Feldern verschwand.
Der Weg führte zunächst durch hügeliges Land. Bauern schoben Karren, auf denen Körbe mit Rüben und Zwiebeln lagen. Hunde bellten, Gänse flatterten auseinander, als Fryda ungeduldig durch die Herde stapfte. Ein alter Mann, der einen Esel am Strick führte, hob warnend die Hand. „Wenn ihr zum Wald wollt, nehmt euch in Acht. Dort gehen seit Tagen seltsame Geräusche um.“
„Noch mehr Märchen,“ brummte Fryda, doch Holdine erwiderte den Gruß ernst.
Je näher sie dem Wald kamen, desto stiller wurde es. Die Felder endeten, nur noch vereinzelte Obstbäume standen da. Ein Hase huschte durchs Gras, Krähen kreischten in der Ferne. Der Wind hatte den Duft von feuchter Erde aufgenommen.
Auf halbem Weg stolperten sie beinahe über eine alte Falle: ein rostiges Eisen, halb im Boden verborgen. Holdine bückte sich und betrachtete sie. „Frisch gestellt,“ murmelte sie. „Jemand jagt hier.“
„Dann sind wir richtig,“ meinte Cjendadz. „Die Kräuterkundige muss in der Nähe sein.“
Noch bevor sie weitergehen konnten, hörten sie das Knacken von Zweigen. Ein Reh sprang erschrocken aus dem Gebüsch, doch eine Stimme rief: „Halt, bleibt stehen! Sonst tretet ihr in meine Schlingen!“
Vor ihnen, nur wenige Schritte vom Weg entfernt, stand eine junge Frau mit einer schlichten Lederweste, Bogen über der Schulter, einen Korb Kräuter am Arm. Ihr Blick war wachsam, beinahe misstrauisch – doch in der Haltung lag keine Angst.
„Ihr seid Krexila?“ fragte Holdine.
Die Jägerin musterte sie lange, bevor sie nickte. „Und wer seid ihr, dass ihr meinen Namen kennt?“
Die Frau ließ den Korb vorsichtig ins Gras sinken und schob den Bogen von der Schulter. Nicht gespannt, aber griffbereit. Ihre Augen glitten prüfend von Holdine zu Fryda, dann zu Cjendadz und wieder zurück.
„Ihr tretet in meinem Revier herum wie Ochsen im Krautbeet,“ sagte sie kühl. „Wenn ihr nicht gleich in einer meiner Fallen enden wollt, haltet euch an den Weg.“
Fryda verschränkte die Arme. „Wir suchen keinen Streit.“
„Gut,“ erwiderte die Fremde. Sie hockte sich nieder und zog aus dem Korb eine Handvoll Kräuter, die sie sorgfältig sortierte – Blätter, Blüten, Wurzeln. Geschickt band sie ein paar davon zu einem kleinen Bündel, rieb die Stängel aneinander, bis ein herber Duft aufstieg. „Bei einer Schürfwunde hält das den Eiter fern. Besser als jeder Weinbrand, den eure Stadtheiler drüberkippen.“
Holdine beobachtete aufmerksam, wie die Frau sich bewegte – sicher, routiniert, so als gehörte sie hierher. Ihre Hände wirkten wie Werkzeuge der Erde selbst, und die Nähe von Bogen und Fallen sprach für jemanden, der nicht nur sammelte, sondern auch jagte.
Cjendadz beugte sich ein wenig vor, fasziniert. „Ihr kennt euch aus… nicht nur mit Pflanzen, auch mit dem, was den Körper stärkt.“
Die Frau sah auf, musterte ihn mit einer Mischung aus Misstrauen und Stolz. „Ich kenne den Wald. Ich kenne das Wild. Und ich weiß, wie man beides nutzt, ohne es zu verschwenden.“
Holdine machte einen Schritt vor. „Wir suchen jemanden, der uns begleiten kann. Jemand, der Verletzungen versorgt. Ohne Heiler wäre es töricht, den Auftrag anzunehmen, der auf dem Aushang steht.“
Krexila zog die Brauen zusammen. „Heiler?“ Sie schüttelte den Kopf und nestelte an den Kräuterbündeln. „Ich bin keine von euren Gelehrten, die mit Feder und Sprüchen hantieren. Ich kann Wunden säubern, Knochen schienen, Fieber lindern. Mehr nicht.“
„Mehr brauchen wir oft gar nicht,“ warf Fryda ein. „Wenn man im Kampf fällt, reicht manchmal schon eine saubere Hand, die Blut stillt.“
Cjendadz musterte die Frau mit aufmerksamen Augen. „Doch die Pflanzen, die ihr nutzt… sie wirken stärker, als man erwarten würde. Ich spüre… Bindungen.“
„Unsinn,“ entgegnete Krexila knapp. „Ich sammle, was wächst. Wenn etwas heilt, dann weil die Natur es so vorgesehen hat. Nicht wegen irgendwelcher Magie.“
Einen Moment herrschte Schweigen. Der Wind rauschte durch die Bäume, irgendwo krächzte eine Krähe. Dann sprach Krexila leiser, fast widerwillig: „Doch es gibt da jemanden. Ein Wesen, das ich mehrmals traf, tiefer im Wald. Es versteht die Bindungen der Natur besser, als ich es je könnte. Es heilt, als wäre die Welt selbst seine Quelle. Wenn ihr wirklich mehr wollt als Kräutersalben – vielleicht solltet ihr mit ihm reden.“
„Ein Wesen?“ fragte Holdine.
Krexila nickte. „Tsaluah nennt es sich. Halb Mensch, halb Vogel, halb Echse... ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll. Es ist mir nie feindlich begegnet. Aber fremd bleibt es doch.“
Cjendadz’ Augen glänzten, als hätte er einen Schatz gefunden. „Ein Natur-Binder...“ murmelte er. „Das könnte uns retten.“
Holdine neigte den Kopf. „Dann führt uns zu ihm.“
Krexila sah die drei lange an, prüfend, fast so, als wollte sie in ihren Gesichtern lesen, ob sie töricht oder ernst waren.
Krexila hatte ihre Fallen überprüft, den Korb geschultert und den Bogen zurechtgerückt. Für einen Augenblick standen sie zu viert am Waldrand, die Stimmen der Stadt schon fern, die Schatten der Bäume vor ihnen.
„Wenn ihr wirklich wollt,“ sagte sie ruhig, „führe ich euch zu Tsaluah. Aber ich gebe euch keine Versprechen. Es entscheidet selbst, wem es folgt.“
Holdine nickte knapp, Fryda zuckte mit den Schultern, und Cjendadz blickte mit einem Glanz in den Augen in die Dunkelheit zwischen den Stämmen.
Die ersten Schritte knirschten auf dem Pfad aus Nadeln und Laub, und mit ihnen begann etwas, das mehr war als nur ein Auftrag vom Anschlagbrett.