Kapitel 7
Aufbruch
Am Morgen war die Stadt noch still, als sie die Mauern hinter sich ließen. Nebel hing zwischen den Dächern, die ersten Händler öffneten träge ihre Läden, und nur das Schlagen der Schmiedehämmer drang durch die Gassen. Sie hatten ihre Rucksäcke gepackt, Trinkschläuche gefüllt, und die Vorräte klapperten leise in den Taschen – ein nüchterner Klang, der mehr versprach als Worte.
„Endlich raus,“ murmelte Fryda, während sie den Stab lässig gegen die Schulter stemmte. „Zwei Tage Stadtluft sind mir schon zu viel.“
„Du wirst den Steinboden vermissen, wenn dich der Wald in der Nacht wachhält", erwiderte Krexila mit einem Anflug von Lächeln.
Cjendadz ging schweigend neben ihnen, die Feder Tsaluahs sorgsam eingewickelt in seiner Tasche. Er murmelte hin und wieder Formeln, als wolle er sie im Kopf ordnen, bevor der Turm sie auf die Probe stellte.
Vor dem Osttor wartete niemand – außer den Schatten der Bäume, die sich im Morgenlicht reckten. Doch als sie den schmalen Pfad erreichten, wo der Fluss sich bog, erhob sich eine Gestalt aus dem Nebel: Federn glitzerten, der lange Schwanz zeichnete eine Spur im Tau.
Tsaluah.
Es trat aus dem Dunst, so selbstverständlich, als habe es dort die ganze Nacht gewartet. Seine Augen glommen wie das matte Licht eines Mondes.
„Ihr seid gekommen,“ sagte es.
„Wir sind vollständig,“ antwortete Holdine und legte die Hand auf den Griff ihres Schwertes, nicht als Drohung, sondern als Schwur.
Zoltian trat ein Stück vor, verbeugte sich spöttisch und zwinkerte. „Dann fehlt uns nur noch eines: der Turm.“
Tsaluah neigte den Kopf, die Federn legten sich an. „Der Turm ruft. Und was in ihm schläft, wird euch prüfen. Doch ihr seid nicht allein.“
Mit diesen Worten schloss es sich ihnen an, und gemeinsam schlugen sie den Pfad tiefer in den Wald ein. Zum ersten Mal gingen sie nebeneinander – sechs Gestalten, verbunden durch mehr als einen Auftrag.
Der Morgen roch nach feuchtem Gras und jungen Blättern, während der Pfad sie tiefer unter das Dach der Bäume führte. Schon nach wenigen Schritten verschluckte der Wald die letzten Geräusche der Stadt, und nur das Knacken ihrer Schritte blieb zurück.
„Endlich wieder Wald,“ murmelte Krexila und strich mit der Hand über einen niedrigen Strauch. „Hier weiß man, woran man ist.“
„Bis sich etwas hinter dir bewegt,“ erwiderte Fryda spöttisch, doch ihr Griff um den Stab war fester geworden.
Die Sonne brach durch die Kronen, tupfte goldene Flecken auf den Boden. Für eine Weile sprachen sie kaum, jeder hing den eigenen Gedanken nach. Dann durchbrach plötzlich ein Krachen die Stille – Äste brachen, schweres Schnauben, Laub raschelte. Holdine hatte im selben Augenblick das Schwert gezogen, Fryda trat vor, der Stab erhoben. Zoltian duckte sich und kicherte.
Ein Wildschwein brach aus dem Unterholz, rannte quer über den Pfad und verschwand wieder im Dickicht. Zurück blieb nur der Lärm des aufgeschreckten Waldes.
Fryda atmete hörbar aus. „Na großartig. Für ein Schwein fast einen Herzschlag verloren.“
„Hättest du es erschlagen,“ grinste Zoltian, „wir hätten schon das erste Abendessen gesichert.“
Holdine schob das Schwert zurück in die Scheide, der Ernst wich nur langsam aus ihrem Blick. „Der Wald prüft uns anders, als wir erwarten. Selbst das harmloseste Tier kann uns aus der Ruhe bringen.“
Am Mittag rasteten sie an einem kleinen Bach. Das Wasser glitzerte über runde Steine, kühl und klar. Cjendadz kniete sich hin, ließ die Finger knapp über der Oberfläche kreisen. „Die Bindungen sind stark. Hier ruht mehr als Wasser.“
„Es löscht den Durst,“ meinte Krexila schlicht und füllte die Schläuche. „Mehr muss es nicht.“
Zoltian nahm einen Schluck, wischte sich den Mund und zwinkerte. „Ich finde, es schmeckt wie Wasser. Vielleicht fehlen mir die Gelehrtenaugen.“
Die Sonne stand schon tief, als sie am Abend eine kleine Lichtung erreichten. Fryda sammelte Holz, Holdine entzündete das Feuer. Krexila mischte Kräuter in einen Topf, der bald einen sanften Duft nach Minze und Salbei verströmte.
„Besser als jedes Bier,“ sagte sie knapp, als Fryda die Nase verzog.
Zoltian ließ sich ins Gras fallen. „Wenn man so trinkt, vergisst man vielleicht die Schweineangriffe.“
„Das war kein Angriff,“ erwiderte Holdine streng.
„Dann war es ein sehr furchteinflößendes Schwein,“ lachte Fryda.
Die Stimmung lockerte sich. Geschichten wurden erzählt – Fryda von den Prügeln ihrer Ausbilder, Zoltian von missglückten Taschendiebstählen, die beinahe in den Kerker geführt hätten. Krexila hörte zu, die Arme um die Knie geschlungen.
Tsaluah saß abseits, kaum sichtbar im Schein der Flammen. Erst als Cjendadz ihn fragte, ob es auch von dem Tee wolle, kam eine Antwort: „Der Wald nährt mich anders.“ Mehr sagte es nicht, doch die Worte hallten nach wie ein fremder Klang in vertrauter Umgebung.
Als die Nacht über sie sank, legten sie sich zur Ruhe. Jeder spürte die Wachsamkeit der Schatten – doch zugleich das leise Band, das sich um sie gelegt hatte. Der erste Tag war vergangen, und sie waren noch beisammen.
Am zweiten Tag lag Nebel über dem Wald. Er hing schwer zwischen den Stämmen, machte das Licht fahl und die Geräusche seltsam fremd. Jeder Schritt knirschte, als würde der Boden sie verraten.
„Hier klingt alles, als wären wir nicht allein,“ murmelte Fryda und spannte unbewusst die Finger um den Stab.
Da, ein Ruf. Weit entfernt, aber deutlich. Es klang wie die Stimme eines Mannes, der nach Hilfe rief. Sie hielten inne, spürten, wie der Klang sich zwischen den Stämmen brach.
„Da draußen ist jemand,“ meinte Holdine, das Schwert halb erhoben.
Doch Krexila schüttelte den Kopf. „Nein. Hört genau hin.“
Noch einmal hallte der Laut, diesmal krächzender, härter – und dann stoben aus dem Nebel Dutzende Raben auf, ihre Flügel peitschten die Luft. Das Gekrächze klang wie Spott.
Zoltian lachte leise, aber ohne Freude. „Wenn uns schon Vögel an der Nase herumführen, will ich nicht wissen, was der Turm mit uns macht.“
Gegen Mittag erreichten sie eine kleine Lichtung, auf der ein alter Grenzstein stand. Bemoost, verwittert, kaum lesbare Spiralen zogen sich über die Oberfläche. Cjendadz strich ehrfürchtig mit den Fingern darüber. „Das sind Muster. Bindungslinien. Der Turm war Teil eines größeren Gefüges. Vielleicht einer ganzen Kette von Orten.“
„Oder einfach nur ein Grenzstein,“ warf Krexila ein, nüchtern, beinahe streng. „Manchmal ist ein Stein nur ein Stein.“
Sie gingen weiter. Der Nebel lichtete sich, doch die Stimmung blieb gespannt. Am Nachmittag krachte ein Ast hoch oben im Geäst. Alle hielten sofort inne, die Hände an Waffen und Zauberzeichen. Minutenlang war kein Laut zu hören, bis ein Eichhörnchen über den Pfad huschte und im Dickicht verschwand.
„Sehr gefährlich,“ murmelte Zoltian spöttisch, doch seine Stimme klang rauer als sonst.
„Sehr gefährlich,“ murmelte Zoltian spöttisch, doch seine Stimme klang rauer als sonst.
Als die Sonne sank, färbte sie den Himmel violett. Zwischen den Bäumen ragte plötzlich etwas auf – erst nur eine dunkle Linie, dann klarer, massiver. Der Turm. Grau und hoch, ein einsamer Zahn aus Stein, der über das Blätterdach hinauswuchs. Keine Fahne, kein Rauch, kein Licht in den Fenstern. Nur Stille.
Sie hielten unwillkürlich an, starrten auf die Silhouette.
„Da ist er,“ flüsterte Holdine.
„Sieht harmloser aus, als die Geschichten es sagen,“ meinte Fryda, doch ihre Stimme klang gezwungen.
„Oder gefährlicher,“ fügte Cjendadz leise hinzu.
Sie hielten inne, als der Pfad sie aus dem letzten Saum der Bäume führte. Die Senke vor ihnen lag still, doch am Fuß des Turmes flackerte ein Feuer. Zwei Gestalten saßen dort, grobschlächtig, mit Waffen neben sich in den Boden gerammt. Über ihnen, im obersten Fenster des Turmes, zeichnete sich der Schatten eines dritten ab, der langsam vor dem Licht hin- und herging.
„Räuber,“ flüsterte Fryda und drückte den Stab fester gegen die Schulter.
„Wie Ratten, die in fremden Mauern nisten,“ knurrte Holdine leise.
Sie zogen sich ein Stück zurück, blieben im Schatten der Bäume. Niemand sprach laut, doch jeder wusste, dass sie noch in dieser Nacht handeln mussten.
Der Turm ragte schweigend über das flackernde Lagerfeuer, und die Dunkelheit schien nur darauf zu warten, dass sie ihren ersten Schritt taten.